Bericht rät zu digitalem Pay-as-you-go-Ticketing im ÖPNV
Fahrgeldmanagement
Ein von FAIRTIQ beauftragter Bericht empfiehlt Verkehrsbehörden in Europa, beim Vorbild London nicht auf kontaktlose Bezahlsysteme zu setzen. Stattdessen soll »Mobile Pay-as-you-go« Fahrgästen einfaches, multimodales Reisen ermöglichen und Kosten senken.

Pendler steigen in einen Zug von Northern ein. (Bild: FAIRTIQ)
Verkehrspolitische Entscheider in Europa orientieren sich beim modernen Ticketing häufig am Londoner Modell. Der Bericht »Stop Talking about London-Style: Why Digital PAYG is now the Future of Ticketing« warnt jedoch davor, das dortige kontaktlose Bezahlsystem einfach zu kopieren. »London-Style Ticketing« meint aus Sicht des Berichts vor allem ein einfaches Reiseerlebnis über verschiedene Verkehrsmittel hinweg. Das Medium, über das dieses Angebot bereitgestellt wird, müsse nicht identisch sein.
Autor Thomas Ableman, ehemaliger Director of Strategy and Innovation bei Transport for London, unterscheidet deshalb zwischen dem Nutzen für Fahrgäste und der technischen Umsetzung. Während London 2012 mit kontaktlosem Bezahlen Maßstäbe setzte, hätten sich die Voraussetzungen inzwischen verändert. Heute sei das Smartphone in vielen Ländern weiter verbreitet als kontaktlose Bankkarten und damit für digitale Ticketingsysteme naheliegend.
Digitale Systeme statt zusätzlicher Infrastruktur
Der Bericht kommt auf Basis von Interviews mit Ticketing-Fachleuten und europäischen Best Practices unter anderem aus Dänemark und der Schweiz zu dem Schluss, dass digitale Pay-as-you-go-Systeme viele Vorteile kontaktloser Lösungen bieten können. Dazu zählen einfache Nutzung, multimodale Reiseketten und die Möglichkeit, vorhandene Geräte der Fahrgäste einzubinden.
Gleichzeitig sollen sich Kosten und Einführungsaufwand verringern. Einer Schätzung im Bericht zufolge würden entsprechende Systeme weniger als 5 % der Kosten eines vergleichbaren kontaktlosen Ticketingsystems verursachen. Teure Investitionen in Lesegeräte an Haltestellen und Bahnhöfen, Verkabelung oder Fahrkartenautomaten ließen sich dadurch begrenzen.
Empfehlungen für Politik und Verkehrssektor
Für moderne Ticketingsysteme empfiehlt der Bericht zunächst eine Vereinfachung der Tarife. Überschneidungen bei Tarifen und Produkten sollen reduziert werden. Außerdem werden klare Regeln für Preisobergrenzen vorgeschlagen, damit Fahrgäste ein verlässliches Preisversprechen erhalten und das Verhältnis zu Zeitkarten nachvollziehbar bleibt.
Bei der Umstellung auf digitale Kanäle sollen Einsparungen in der richtigen Reihenfolge erfolgen. Bestehende Vertriebskanäle sollten erst dann zurückgebaut werden, wenn neue digitale Angebote das Vertrauen der Fahrgäste gewonnen haben. Zudem verweist der Bericht auf die Liquidität kleiner Verkehrsunternehmen: Abrechnungsprozesse sollen so gestaltet werden, dass Einnahmen möglichst täglich und ohne unnötige Verzögerungen verteilt werden.
Nationale Verkehrsministerien sollen laut Bericht kein bestimmtes Medium vorschreiben, sondern Mindestanforderungen aus Sicht der Fahrgäste definieren und Lösungen anhand dieser Kriterien zertifizieren. Für nationale Eisenbahnunternehmen wird eine multimodale Strategie empfohlen, die regionale Systeme unterstützt und Preisobergrenzen interoperabel macht. Verkehrsunternehmen sollen Tarifdaten über ein offenes nationales Tarifregister bereitstellen und mindestens eine visuelle Kontrolle digitaler Fahrberechtigungen akzeptieren. Regionale Verkehrsbehörden wiederum sollen in Strategien und Ausschreibungen gewünschte Ergebnisse festlegen, nicht das technische Medium.
Pilotprojekte und internationale Anwendung
Der Bericht verweist auf bestehende Anwendungen in Europa sowie auf laufende Pilotprojekte. Dazu zählt ein Digital-PAYG-Pilotversuch im britischen Schienenverkehr auf der Strecke Sheffield–Rotherham–Doncaster mit Northern Trains. Insgesamt soll der Ansatz Fahrgästen den Zugang zum öffentlichen Verkehr erleichtern und zugleich den Verkehrssektor sowie die öffentliche Hand bei Investitions- und Betriebskosten entlasten.


