Ein bewegtes Leben auf manchen Bühnen

Artikel vom 24. November 2021
Schienenfahrzeuge
Tibert Keller in der Rolle als Churer Stadtführer Gion-Gieri hier mal als Extrazugbegleiter. Bei diesen Einsätzen trägt er die alte, einst verabscheute Uniform gerne (Bild: Bruno Kalberer).

Tibert Keller in der Rolle als Churer Stadtführer Gion-Gieri hier mal als Extrazugbegleiter. Bei diesen Einsätzen trägt er die alte, einst verabscheute Uniform gerne (Bild: Bruno Kalberer).

Die Szene könnte einem spannenden Agententhriller entlehnt sein: Eine Stunde vor Abfahrt der City-Night-Line in Prag läuft er ein Verbotsschild missachtend direkt auf einen jungen, mit Schäferhund »bewaffneten« Wachmann am Fuße des Parkes der Pragerburg zu. Lange, bange Minuten; endlich das klärende Wort, gehetzter Irrlauf durch eine U-Bahnstation, den Sekundenzeiger im Auge und das einzig einiger exklusiver Bilder von Prager Trambahnen geschuldet…Die Szene indessen entstammt keinem Thriller, sondern hat sich 2008 am Rande einer Fachexkursion der Bahnjournalisten Schweiz exakt so zugetragen. Tibert Keller ist einer der Teilnehmenden, der gerne auch mal eigene Wege geht. In dem Fall für eine Bilderjagd vor der Heimfahrt. »Als Vierzehnjähriger kaufte ich mit meinem Ersparten für 80 Franken eine Instamatic-Kamera«, blickt Tibert zurück auf die Initialzündung zu einer späteren Karriere als Fotograf, Reiseleiter und Journalist. »Mich reizte es immer, das Besondere einzufangen, Eisenbahnen, Anlässe, Menschen, Natur und Experimentelles – auch mal aus ungewohnter Perspektive.« Einige Bilder fanden als RhB-Werbung weltweite Beachtung. Viele Motive liegen ihm sozusagen vor der Haustür, nämlich in der gebirgigen Rheinschlucht. »Aber ich scheue keinen Aufwand, weite Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und anschließenden Fußmärschen zu unternehmen, die ich minutiös plane.« Deshalb sind, wenn doch mal was schiefläuft, fast immer äußere Faktoren schuld. Übrigens, eine der Aufnahmen mit der Instamatic von 1973 von den ersten elektrischen Lokomotiven der Rhätischen Bahn RhB 351 und 352 erschien kürzlich in einer LOKI-Sondernummer als halbseitiges Bild.

Drei sehr lange Kilometer

Doch zurück nach Prag, »wo ich den Wachmann in vier Sprachen – und die Bilder von den Trambahnen auf meiner Kamera zeigend – zu überzeugen versuche, dass ich nichts Böses im Schilde führe«. Der Hauptbahnhof ist drei Kilometer entfernt, der Countdown läuft. Ein Kollege des Wachmanns taucht auf. Der kann Deutsch! Sage ihm, dass ich als Journalist hier sei. »Das Stichwort, das mir die Freiheit zurückgibt.« Höchste Eisenbahn, es folgt ein langer Spurt zur nächsten U-Bahnstation. Als Bahnaffiner tritt Tibert bereits mit Sechzehn seine erste Stelle bei der RhB als Stationsbeamter an, durchläuft in gut 23 Jahren auf 50 verschiedenen Dienststellen eine Bahnkarriere via Stationsvorstand zum Marketingsachbearbeiter. Als 26-Jähriger leistet er sich mit selbst erwirtschafteten Mitteln das zum Verkauf stehende, heruntergekommene einstige Bahnwärterhaus Trin in der berühmten Rheinschlucht an der Glacierexpress-Strecke Chur–Disentis. Nach einer aufwändigen Instandstellung diente es zunächst als Ferien-, dann als Wohnhaus. Hier hat der bewusst Alleinlebende zwar direkten Bahnanschluss, aber die Einsatzgebiete finden sich oft abseits von Haltestellen. Der 61Jährige sah nie einen Grund, Autofahrer zu werden, »weshalb ich viele, auch anstrengende Fahrten per motorloses Fahrrad unternehme, sei es beruflich als auch für den täglichen Bedarf«. Und das bei jedem Wetter. Schließlich pflegt Tibert drei Leidenschaften. Eine davon entwickelt sich aus der Anfrage eines Reiseunternehmers. Der bittet um Ausflugstipps in den Bündner Bergen und die kamen offenbar so gut an, »dass er mich fragt, ob ich nicht auch ganze Gruppen führen können«. Der Start zu einem weiteren Hobby, das später zum Beruf als Reiseleiter mutiert. Was ihm sehr zupass kommt, weil sich Tibert nie so richtig wohl fühlt in der Bähnleruniform. Das Fotografieren ist früher schon zum Beruf geworden. Zur dritten Leidenschaft, dem neuen Hobby, kommt er durch eine Anfrage, in einem Laientheater mitzuspielen. »Ich lerne zwar nicht gut auswendig, trotzdem wirke ich an bis zu vier Projekten im Jahr mit. Inzwischen sind es weit über hundert.«

Anderthalb Minuten »zu früh«

»Hier«, im Metrobahnhof, »warte ich einige bange Minuten auf den nächsten Zug.« Der bringt ihn aber nicht direkt unter den Fernbahnhof. »In einer filmreifen Szene düse ich umher, einen Aufgang hoch und habe endlich den Bahnhof in Sicht. Außer Atem erreiche ich den Bahnsteig.«

Während sich seine Bahnjournalisten-Kollegen gemütlich auf den Weg zum Prager Bahnhof machen, kann Tibert es nicht lassen, noch rasch in der engen Kurve unterhalb der Pragerburg nach historischen Wagen zu »jagen«. Dass er sich dafür von einer Abzäunung nicht abhalten lässt, hat einschneidende Folgen ...

Während sich seine Bahnjournalisten-Kollegen gemütlich auf den Weg zum Prager Bahnhof machen, kann Tibert es nicht lassen, noch rasch in der engen Kurve unterhalb der Pragerburg nach historischen Wagen zu »jagen«. Dass er sich dafür von einer Abzäunung nicht abhalten lässt, hat einschneidende Folgen …

Seine Kollegen atmen erleichtert auf, man steigt ein. »Als damaliger Nichthandyträger konnte ich meine beunruhigten Kollegen nicht informieren.« Anderthalb Minuten später verlässt der Zug die Moldaustadt. Monatlich verschickt Tibert seinen Fotoblog, berichtet über (fast so) abenteuerliche Erlebnisse. Insidertipps verhelfen ihm zu exklusiven Aufnahmen. Ein Video zeigt, wie er sicher über einen exponierten verschneiten Grat zu einer Fotostelle hastet. »Nicht so spektakulär wie es aussah. Die Stellen sind zwar kritisch, aber ich passe auf mich auf.« Der Tibert Keller hat viel zu erzählen auf Bildern und in Worten.

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